Wiener Dramolette


Als ich 1998 die „Wiener Dramolette“ in Paris inszenierte, waren sowohl das Publikum als auch die
Theaterleute angesichts des sparsamen Bühnenbilds und der spärlichen Requisiten erstaunt. Ich hatte
immer schon ein Faible für das „arme“ Theater, weil es das Wesentliche zur Geltung bringt. Mittlerweile
hat sich das „nackte“ oder „arme“ Theater sogar im Wiener Burgtheater und bei einem Shakespeare-Stück
durchgesetzt und glücklicher Weise bekommen wir nicht mehr Horden von Pferden und Menschenmassen
in historischen Perücken und luxuriösen Kostümen zu sehen. Wir sehen, hören und fühlen, was
Shakespeare inspirierte und erahnen möglicherweise sein ursprüngliches Anliegen. Dies bedeutet
keineswegs, dass ich nicht Wert auf Ästhetik lege, ganz im Gegenteil, Ästhetik, Effekt, Leidenschaft,
Lachen und Gefühle sind mir sehr wichtig. (siehe den Auszug aus einem der Dramolette)

Mein vorrangiges Interesse an einer Bühnenproduktion gilt dem Bestreben, der Rolle gerecht zu werden
und das innerste menschliche Wesen – mit anderen Worten, ihre tiefste Überzeugung und die Reaktionen
und Folgen, die aus dieser Überzeugung resultieren, sichtbar zu machen. Der ureigene Charakter der
Rolle wird langsam und – sehr realitätsnah – sichtbar mit den ersten Empfehlungen, die ich dem
Schauspieler/der Schauspielerin die Rolle betreffend gebe. Wenn ich eine passende Szene gefunden habe,
wird die Rolle, der Charakter, zu einem lebendigen Menschen und beeinflusst bereits mein Denken und
bringt mich überraschend auf neue Ideen. Diese Ideen sind meist subtiler, grausamer und bringen mich
dazu, mich der Wahrheit konzentrisch zu nähern und alles, was die Wahrheit verhindert, zu erkennen.
Es ist nicht immer erfreulich, die Wahrheit zu sehen. Jawohl, alle Rollen des gesamten dramatischen
Repertoires haben edle aber sehr extravagante Forderungen.

In meinen Stücken ist die Momentaufnahme einer Situation Idee und Motor. Ich stelle fest, dass ein Stück
zu schreiben für mich jedes Mal die Suche nach Klärung einer offenen Frage oder der Ausdruck einer
Verwunderung darstellt. Häufig ist der erste Impuls zu einem Stück die Empörung über ein tatsächliches
Geschehen. Danach ist es das Wichtigste, dem Ganzen einen „Rahmen“ zu geben und dieser sollte so
geartet sein, dass er das Publikum von Anfang an in Bann zieht.

So entstand beispielsweise „Alptraum”: Ich stellte mir die Frage, was es für mich bedeutet, wenn meine
Nachbarin aus dem Parterre plötzlich beschließt, Selbstmord zu begehen, zu mir in den 4. Stock kommt,
an die Tür klopft, wortlos an mir vorbei zum Fenster geht, dieses öffnet und – hopp! auf die Linke
Wienzeile springt? Eine obskure Vorstellung, oder? Auch der „Rahmen“. Dann saß ich an meinem
Schreibtisch. Und – mit den Personen, die in meiner Vorstellung bereits lebendig waren, vervollständigte
ich das Stück. Ich sah eine halbnackte Frau am Fenster, laut schreiend, ich sah einen Mann herbei laufen,
eintreten und hörte ihn fragen: „Was ist los, Frau Hartig?“ Er schien ein anderer Nachbar zu sein und so
ersetzte er mich durch Frau Hartig.... Ab diesem Punkt des Stückes lasse ich die beiden Charaktere über
die Entwicklung und ihr Vokabular in dem Stück entscheiden. Ich greife lediglich ein, um Rhythmus, der
mir sehr wichtig ist, Genauigkeit, einige Elemente, die den Ton und die Atmosphäre verdeutlichen,
einzubringen. Als ich „Alptraum“ beendet hatte, wusste ich immer noch nichts über die arme Nachbarin,
die Selbstmord begangen hatte, aber ich wusste alles über Frau Hartig und den anderen Nachbarn, ihre
Reaktionen, ihre Lebenserfahrung, ihre Ängste und Träume.

Tschechov meinte einmal, Schreiben sei nur der (ein?) Weg, um an andere heran zu kommen. Somit ist
Schreiben eine Abkürzung, von anderen erkannt zu werden, aber auch, um andere kennen zu lernen,
indem man über sie schreibt.

Ich schrieb die “Wiener Dramolette” während meiner ersten zehn Jahre in Wien. Sie sind „Wienerisch“ –
sie spielen alle in Wien – aber die Geschichten, die sich ja sehr voneinander unterscheiden, könnten
überall auf der Welt passieren. Ihnen Wien als Rahmen zu geben war mir wirklich eine Freude, da ich seit
1991 die Hälfte der Zeit – und sehr gerne – in Wien lebe. Die Pariser Kritiken waren äußerst positiv:
Die Atmosphäre, der Humor, der intensive sprachliche Rhythmus; die Geschichten – sehr realistisch aber
etwas verrückt – und dass nur 8 Schauspieler/innen sich 40 Rollen teilen.

Gemma Salem April 2005


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